Allgemein Corona

Corona-Virus: Tagebuch einer Pandemie

Es ist soweit – das Corona-Virus ist da. Ich bin ehrlich gesagt schockiert, wie schnell jetzt alles ging. Ich bin Biologin, Mikrobiologin um genau zu sein. Meine Ausbildung an der Uni hat sich natürlich auch zum Teil mit Epidemiologie und Virologie beschäftigt. Ich bin mir sehr im Klaren darüber, wie schnell sich Viren verbreiten. Und doch erwischt es einen irgendwie auf dem falschen Fuß.

Ich habe beschlossen, ein persönliches Pandemie-Tagebuch zu führen. Auch für mich, für die Zukunft und um Gedanken festzuhalten und um zu dokumentieren wie das Virus mich und mein Leben ab jetzt bestimmen wird.

Ich halte mich natürlich schon die ganze Zeit, seit das Virus auch in Deutschland angekommen ist, über die Seite der WHO auf deim Laufenden und verfolge die Fallzahlen. Jeden Tag. Ich möchte hiermit aber dazu beitragen, dass gerade wir, die wir keine Risikogruppen sind, keine Panik entwickeln. Keine Angst haben. Sondern einfach professionell und verantwortungsvoll mit der Situation umgehen. Auch wenn Sie neu ist – für uns alle.

Tag 0

Mein persönlicher Tag 0 war letzten Freitag, der 13.03.2020. Irgendwie ein passendes Datum, Freitag der 13. Bereits am Dienstag gab es die ersten beiden Corona-Verdachtsfälle am Arbeitsstandort meines Mannes. Am Mittwoch kamen 3 weitere Fälle dazu – am Mittag wurde die ganze Belegschaft vorerst nach Hause geschickt.
Wir hatten geplant am Freitag zu einer Hochzeit in meine Heimat Nordhessen aufzubrechen. Die Hochzeit einer meiner besten Freundinnen. Natürlich hing das direkt in der Luft. Mich persönlich hat das emotional sehr getroffen. Ich habe mich seit Monaten so sehr auf diese Hochzeit und alle Leute gefreut, die ich treffen würde. Vor Freitag war der Gedanke auch noch da, eventuell alleine zu fahren, ohne meinen Mann. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, war eigentlich relativ schnell nach Bekanntwerden dieser Verdachtsfälle klar – wir werden nicht fahren.
In meinem Elternhaus lebt auch meine 89-jährige Großmutter – eindeutig eine Risikopatientin. Ohne eine klare Entwarnung hinsichtlich dieser Verdachtsfälle, hätte ich niemals guten Gewissens fahren können. Ich oder mein Mann könnten ja theoretisch längst selbst ansteckend sein.

So eine große Unsicherheit habe ich glaube ich noch niemals erlebt. Ich hatte mir vorgenommen abzuwarten ob es noch eine Entwarnung gibt, bevor ich absage. Die Entwarnung kam leider nicht mehr an diesem Freitag. Dafür beschloss Bayern die Schulen und Kitas zu schließen, und pünktlich zum Mittag rief uns der bayrische verkehrsminister auf, alle Reisen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Damit war das Hochzeitswochenende endgültig gestorben. Die Absage ist mir emotional nicht leicht gefallen. Vom Gewissen her schon. Noch nie standen mein emotionales Ich und mein wissenschaftlich ausgebildetes Ich so sehr auf dem Kriegsfuß wie an diesem Tag. Noch vor einer Woche hätte ich mir niemals träumen lassen, dass ich diese Entscheidung überhaupt so bald treffen muss.

Tag 1

Samstag, 14.03.2020. Hochzeitstag meiner Freundin – nicht-Hochzeits-Besuchstag für mich. Das Wetter ist traumhaft und ich ärgere mich wahnsinnig und bin traurig, diesen Tag nicht mit guten Freunden und der Feier eines wirklich freudigen Anlasses zu verbringen.
Ich habe keine Angst, auch nicht mich anzustecken. Ich bin jung und gesund und wir wissen bereits, dass das Corona-Virus in den überwiegenden Fällen einen leichten Verlauf nimmt, nur 6-7% verlaufen schwer. Aber das sind eben die Verläufe bei Risikopatienten, zu denen alle über 65 Jahren zählen. Wie schon gesagt meine Großmutter, aber auch mein Vater ist mittlerweile 63 und erholt sich noch immer von einer schwerwiegenden Operation im letzten Jahr. Meine  Angst beschränkt sich darauf, jemanden anzustecken.
Mein Schwager und seine Freundin kehren vom Skifahren zurück und holen ein paar Sachen ab, die Sie auf dem Hinweg bei uns gelassen haben. Nachdem Sie zurück in Trier sind, gehen sie beide in die 14 Tage Quarantäne.

Tag 2

Sonntag, 15.03.2020. Wir fahren zum Wörthsee um das wunderbare Wetter und die Sonne zu genießen. Wir wandern einmal rund herum – überall sind Menschen unterwegs, kein Hinweis auf eine Krise, oder darauf, dass sich im Leben der Bayern etwas verändert hat, im Vergleich zu sonst. Alle sind entspannt, liegen in den Wiesen oder sitzen in den (noch geöffneten) Restaurants oder Biergärten und genießen die Sonne.

Tag 3

Montag, 16.03.2020. Bayern ruft den Katastrophenzustand aus. Die Geschäfte werden schließen, nur noch die Grundversorgung über Lebensmittelgeschäfte und Apotheken, Banken, die Post und verschiedene Dienstleister soll erhalten bleiben. Die Kids genießen Ihren ersten Corona-Schulfrei-Tag. Unsere Hundebetreuung für mittags schicke eine Rundmail, wie wir uns jetzt (wenn wir zu Hause sind) verhalten sollen, wenn der Hund abgehalten wird. Eben wie man jeden Kontakt reduzieren kann.
Wir sind zwar nie viele im Büro, aber die ersten Kollegen melden sich jetzt offiziell ab. Ich hatte noch nie so wenige Anrufe an einem Montag. Auch in meinem Job merke ich jetzt wohl die ersten Anflüge von Corona. Es ist verdammt still auf allen Kanälen.
Im sonst so verstopften Berufsverkehr in und um München geht es heute nach Feierabend verblüffend schnell. Es ist zwar immernoch viel los, aber so schnell war ich noch nie dieses Jahr von der Arbeit daheim. Als ich von der Bundesstraße Richtung Eichenau abbiege, fällt schon auf wie viele Menschen draußen unterwegs sind, egal in welchem Alter. Es scheitn den meisten schon klar zu sein, dass wir vermutlich nicht mehr allzu lange frei entscheiden können, wann wir wohin gehen.
Der Hundesportverein schließt (den Empfehlungen der Regierung folgend) die Rasenplätze und das Vereinsheim und sagt alles Übungsgruppen bis auf weiteres ab.

Tag 4

Dienstag, 17.03.2020. Während mein Mann im Homeoffice ist, fahre ich ins Büro. Aber auch bei uns ist jetzt die offizielle Order von oben, dass man sich nach Möglichkeit ins Homeoffice organisieren soll. Das war zu erwarten. Für mich ist das kein Problem – ich kann von überall arbeiten. Trotzdem stehen uns jetzt ein paar organisatorische Dinge ins Haus.
Es mag lächerlich klingen, aber was mache ich mit meinen Büropflanzen? Ich weiß ja nicht, wann ich wieder ins Büro komme – oder darf.
Der Heimweg geht diesmal noch schneller. Und ich glaube ich habe selten den Abendspaziergang mit dem Hund derart genossen…

Bildquellen: 1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.